Tagebucheintrag 031 | 05. September 2020

“Kleine Lokomotiven”

Nachdem ich bei der illegalen Überquerung eines Fahrweges für diese „Straßenbahn ähnlichen Fahrzeuge“ auf schmerzliche Weise feststellen musste, dass sich die Stahlschlangen von diesen Eisenbahnzügen, wie sie genannt werden, deutlich von jenen der mir bereits geläufigen Straßenbahnzüge unterscheiden, sprach ich über diese Erkenntnis mit dem netten Herrn Michael, welchen ich von der Annahmestelle bereits kannte.

Nachdem dessen technische Erklärungsversuche auf wenig Verständnis meinerseits stießen, entführte er mich kurzerhand in ein Geschäft in welchem sich mir eine zauberhafte Miniaturwelt darbot.

Wenn man vor dieser stand sah alles so aus als ob man eine natürliche Landschaft von einem 500 Meter hohen Berg aus betrachten würde. Alle Sachen sahen tatsächlich so aus wie in Wirklichkeit, nur halt viel kleiner. Hier handelte es sich also um keine Zeitreise, sondern um eine Reise in eine Welt der Größenunterschiede.

Fasziniert sah ich mich um. Auf mehreren Quadratmetern war ein ganzes Dorf zu sehen. Umgeben von einer hügeligen Landschaft mit Bäumen und vor allem mit verschiedenartigen Zügen, Bahnanlagen und Gleisen „Sämtliche Landschaft ist, analog zur richtigen Landschaft, detailgenau nachgebildet und zwar genau im Maßstab 1:87“ wird von Michael, der sich mir als passionierter Modellbauer outet, fachkundig erläutert.

Ah – das Schaffen solcher Miniaturen nennt man also Modellbau! Schlagartig wurde mir klar, dass auch der seltsame silberne Vogel, welchen ich im Schaufenster der Annahmestelle sah, auch ein Modell von etwas Größerem sein musste!

„Trotzdem ist die Anlage nicht analog sondern digital!“ erklärt er weiter. “Dadurch kann ich mit einem Steuergerät jeden Zug der Anlage ansteuern, selbst wenn diese Züge auf ein und demselben Gleis fahren”! Meine Faszination hatte mich offenbar total abgelenkt. So bemerkte ich erst nach einigen Minuten des Staunens, dass der liebe Michael die ganze Zeit weiter erklärt und erläutert hatte, ich aber gar nicht mehr zuhörte. Euphorisch erklärte er zu jeder der vorhandenen Lokomotiven wie diese benannt, wann diese von wem erzeugt und in welcher Zeit sie auf welchen Strecken eingesetzt wurde.

Also doch auch eine kleine Zeitreise, dachte ich bei mir, während ich mich erneut dabei erwischte, dass ich bereits wieder von den Ausführungen des Trafikanten sehr wenig bewusst mitbekam. Diese detailgetreuen kleinen Häuser, die Bäume, die Berge, die Straßen und sogar der kristallklare Badesee mit badenden Miniaturmenschen. Und wo Menschen sind, sind doch auch deren stinkende Fortbewegungsmittel nicht weit. Tatsächlich entdecke ich kleine Autos, Fahrräder, Motorräder und Lieferwagen, sogar welche auf der Straße fahrend. Auch die eine oder andere Pferdekutsche war zu sehen.

Michael regulierte in der Zwischenzeit sowohl die Fahrgeschwindigkeit der Züge, in welches Gleis sie fuhren als auch bei welcher Haltestelle sie hielten, mit einem kleinen unscheinbaren Kästchen welches mit einem Rädchen und einigen Tasten ausgestattet ist. Je mehr er das Rädchen nach rechts drehte, desto schneller fuhr der jeweils ausgewählte Zug. „Natürlich muss man genau wie in Wirklichkeit sehr konzentriert fahren, denn sonst kann es passieren, dass die Züge kollidieren, auffahren oder entgleisen“, wird mir erläutert.

Könnte man beim Bau solcher Welten auch die vier Jahreszeiten darstellen, frage ich den mit dem Ansteuern der Züge sehr beschäftigten Michael. „Ja natürlich könnte man das. Aber mir gefallen Anlagen auf welchen es Winter ist nicht so gut. Auf dieser Anlage ist es immer Sommer und es regnet nie!“

Auch ich durfte einen Zug steuern. Wir hielten uns noch eine geraume Zeit mit dem Spielen dieser tollen Miniaturen auf. Beinahe wie Kinder haben wir die gegenwärtige Zeit vergessen.



Informationen zum alten Foto

Titel Wien 20, Nordwestbahnhof
Beschreibung Nordwestbahnhof Hauptgebäude
Orte Wien  
Digitale Sammlung Mag. Alfred Luft
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