Tagebucheintrag 030 | 29. August 2020

“Herrchen und Hund”

Als ich beim Spazieren an den parallel liegenden Stahlschlangen, welche durch dicke Holzbalken verbunden auf einem Schotterbett liegen, vorbei kam, traf ich einen Mann mit einem süßen kleinen Hund.

Vorerst hatte ich den Mann gar nicht beachtet, weil meine Blicke natürlich nur auf den allerliebsten kleinen Hund mit seinen Knopfaugen gerichtet waren. Wir kamen ins Gespräch und erst da erkannte ich Michael, den ich ja bereits in der Annahmestelle kennen gelernt hatte.

Michael erzählte mir lachend, dass es sich nicht um seinen Hund handelte und er seiner Mutter gehört, die aber heute am Flohmarkt ist und das Hündchen ihm zur Aufsicht und Betreuung anvertraut hatte. Nachdem ich den süßen, kleinen Hund noch näher betrachtet und auch gestreichelt hatte, kam das Gefühl in mir auf, dass ich auch gern einen Hund hätte.

Michael erzählte mir einige Abenteuer aus seiner Jugendzeit, die er genau hier bei den Gleisen für die Eisenbahn mit dem Hund erlebt hatte. Dabei waren auch gefährliche Begebenheiten, als er mit seinem treuen Hund, um den Heimweg abzukürzen, über die schmale, selten befahrene Eisenbahnbrücke ging und die Beiden dabei von einem unerwarteten schnell herannahenden Zug nur durch gemeinsames Abtauchen in eine Grube, nicht ums Leben kamen. Er kletterte mit dem braven Tier über Plakatwände, spielte verstecken und vieles mehr.

Auch wie er zu seinem damaligen treuen Freund und Begleiter, dem Pudel gekommen war: Sein Vater war nämlich Feuerwehrmann und als sie eines Tages zu einer brennenden Tierhandlung beordert wurden, retteten er und sein Kollege zwei Welpen daraus, die nur deshalb überlebt hatten, weil deren Käfigbox etwas abseits in der Nähe eines Luftschachtes abgestellt war. Als sie von den beiden Rettern gefunden wurden waren sie bereits mehr tot als lebendig. Sie gaben ihnen Sauerstoff aus der Atemschutzmaske und massierten ihren kollabierten Blutkreislauf. Der Zoogeschäftsbesitzer hatte die beiden Hündchen den heldenhaften Rettern daraufhin geschenkt. Die übrigen Tiere waren alle tot und das Geschäft eine Ruine.

Michaels Erzählungen waren so detailgenau und plastisch erzählt, dass ich die Situationen direkt wie in einem Theaterstück vor mir ablaufen sah.



Informationen zum alten Foto

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Titel Wien 20, Gasometer
Beschreibung Gasometer Forsthausgasse
Orte Wien  
Digitale Sammlung Renate Fasching
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