Tagebucheintrag 028 | 15. August 2020

“Flott unterwegs”

Heute war ich endlich wieder mal alleine unterwegs. Mit meinem Scooter fuhr ich flott und ziellos in der Brigittenau umher. Diesmal aber am Radweg, so wie es mir erklärt worden ist.

Kaum war ich 10 Minuten unterwegs wurde ich von einem Radfahrer, welcher sich offenbar darüber erregt hatte, dass ich mit meinem Scooter auf dem Radweg fuhr, so geschnitten, dass ich um einen Zusammenstoß zu vermeiden, durch das Ablenken und starke Bremsen meines Scooters beinahe zu Sturz gekommen wäre. Der Radfahrer aber beschleunigte wieder und entschwand sehr schnell aus meinem Gesichtsfeld.

Während ich mich noch über den Radfahrer ärgerte, stieg unmittelbar vor mir ein Fußgänger gedankenverloren vom Gehsteig auf den Radweg. Meine Warnrufe konnte dieser aber nicht hören, weil er seine Ohren unter einem interessanten Gerät verborgen hatte. Es war ein Bügel an dem zwei kleine Teller oder doch eher kleine Schalen angebracht waren. Diese verhinderten offenbar, dass der Fußgänger meine warnenden Zurufe hören konnte. Es gelang mir im letzten Moment durch eine Notbremsung einen Zusammenstoß mit dem Mann zu verhindern.

Als er das realisierte, sprang er einen Schritt zurück und sah mich mit großen Augen an. Immer noch sauer, wegen des kürzlich erfahrenen Vorfalles mit dem Radfahrer, hatte ich möglicherweise das Gespräch nicht sehr höflich eröffnet. Der Mann hatte aber auch dies glücklicherweise nicht gehört bzw. verstanden. Er dürfte jedoch mitbekommen haben, dass ich mit ihm sprach und er meiner Reaktion verdankte, dass er nun nicht vor Schmerzen gekrümmt am Boden lag. Daher nahm er diesen seltsamen Kopfschmuck unverzüglich ab und entschuldigte sich für seinen Fehler in aller Form. Kaum hatte er dieses Gerät abgenommen, erklangen daraus rhythmisch kreischende Geräusche, die mich offensichtlich irritierten. Das dürfte der Mann mitbekommen haben und fragte mich ob ich auch ein Fan der Gruppe Slipknot sei. Da ich stammelte, dass ich die nicht kenne, setzte er mir das eigenartige Gerät auf. Das hörte sich zwar viel besser aber immer noch nicht besonders gut an, jedenfalls war es extrem laut. Nun war mir auch klar, warum mich der Mann nicht hörte.

Mein Zorn war mittlerweile verflogen und der Faszination diesem Gerät gegenüber gewichen. Ich äußerte nur, dass dies viel zu laut sei. Er zuckte mit den Schultern und sagte, dass diese Gruppe unbedingt laut gehört werden müsse. Aber er sah auch ein, dass es nur deswegen zu diesem gefährlichen Vorfall mit mir gekommen war. Zur Wiedergutmachung lud er mich ein, mit ihm etwas zu trinken. Ich nahm das Angebot an und wir plauderten noch eine Weile. Dabei wurde mir bewusst, dass ich offenbar viel zu schnell unterwegs war und mich im Falle eines Zusammenstoßes auch eine Mitschuld getroffen hätte.

Danach verabschiedeten wir uns freundlich. Ich glaube, wir haben Beide daraus gelernt. Später hatte ich auf einer alten Fotografie gesehen, dass der Mann ziemlich genau an der Stelle auf den Radweg stieg, an welcher früher das Denkmal von Antoine Charles Louis de Lasalle, dem großen französischen Divisionsgeneral gestanden hatte. Oder handelt es sich dabei um Ferdinand Lassalle dem Wortführer der frühen deutschen Arbeiterbewegung? Klar – warum sollte man in Wien einen Franzosen huldigen?



Informationen zum alten Foto

#1901412

Titel Wien 20, Winarskystraße
Beschreibung Einblick aus Nordwesten. Im Mittelgrund das Lassalle-Denkmal, rechts die Front des Winarskyhofes.
Datierung um 1930
   
Orte Wien  
Schlagworte Gemeindebau
Digitale Sammlung Wien
   
Inventarnummer L 30.182C
Bildnachweis ÖNB
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