Tagebucheintrag 020 | 20. Juni 2020

“Ein Fachgeschäft”

Das anhaltend schlechte Wetter machte mir meine Pläne sämtliche Eindrücke zu erfassen, schwierig bis unmöglich. Es regnete täglich mehrmals und der Wind war unangenehm und kühl. Selbst wenn ich mich darüber hinweggesetzt hätte, wäre auch das Licht nicht entsprechend gewesen, das Gesehene einwandfrei zeichnerisch darzustellen.

Aber heute: Endlich kam ich raus und ein Zeichnen unter freiem Himmel war endlich möglich. Als ich meine Utensilien zusammenpackte, musste ich zu meinem Bedauern feststellen, dass ich alle Zeichenblätter bereits verbraucht hatte. Also mußte ich neue besorgen und ein Geschäft suchen, welches Zeichenpapier führt.

Gar nicht weit, am Brigittaplatz, auf dem sich auch die von mir sehr bewunderte Kirche befindet, war eine Papierhandlung.

Ich betrat das kleine Geschäft und wurde sofort von jemanden brüsk angeherrscht. „Hallo, Maske!“ tönte es von einem älteren Mann, wobei ich das Gefühl hatte, dass dieser gar nicht zum Verkaufspersonal gehörte. Als ich zu ihm blickte fuchtelte er mit seiner rechten Hand wischerartig vor seinem Kopf. Die freundliche Verkäuferin hatte das bemerkt und überreichte mir eine „Mund Nasen Maske“, in der gleichen Art, wie auch sie eine trug. Gut dachte ich bei mir! Ist wieder so ein komischer Brauch, wie Ramadan oder Fasching und zog die Maske über. Oder vielleicht ist es peinlich in diesem Geschäft gesehen zu werden, weshalb sich alle maskieren und auch ich sollte mich dafür schämen. Obwohl ich den Sinn dieser Maskerade nicht erkannte, zog ich mir das Ding über. Quasi aus Höflichkeit, denn es schien dem Mann im Geschäft viel zu bedeuten.

Danach suchte ich nach Zeichenblättern. Es gab viele. In allen Größen und Ausführungen fand ich welche. Ich entschied mich für einen Block von Zeichenblättern, auf welchem ein naturgetreu, aber dennoch irgendwie künstlich aussehender Hase abgebildet war. „Ist der gezeichnet?“, fragte ich die Verkäuferin. „Nein gedruckt“ entgegnete diese trocken. Ich zahlte und verließ den eigenartigen Laden.

Während ich den Hasen genau betrachtete, ging ich mit meinen Zeichenuntensilien an abgestellten Autos vorbei. Plötzlich und für mich absolut überraschend, war ein Auto, offenbar lautlos an mich herangefahren und hupte mich an. Ich erschrak bis ins Knochenmark.

Der Fahrer war offenbar ein Nervenbündel und bezeichnete mich abschätzig als „Grün Wählerin“ und „widerliches Luder“. Danach fuhr er ohne eine Antwort oder Entschuldigung meinerseits abzuwarten weiter. Was das wohl war, dachte ich beim Überqueren der Strasse, welche ich nun sehr genau auf eventuell herankommende Fahrzeuge überprüfte.

Noch niemals habe ich gewählt, aber als widerlich bezeichnet zu werden, empfand ich schon als leicht  kränkend.



Informationen zum alten Foto

Titel Wien 20, Brigittaplatz 16
Beschreibung Papierhandlung Kräuter
Digitale Sammlung Bezirksmuseum Brigittenau
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