Tagebucheintrag 015 | 04. April 2020

“Die Annahmestelle”

An einem schönen, warmen Tag ging ich spazieren und der Pullover, den ich von dem Polizisten geschenkt bekommen habe und der mich auch gut gewärmt hatte, hing bleiern an mir. Optisch gefiel er mir eigentlich von Anfang an nicht besonders.

Gerade als ich schon darüber nachdachte, ob ich ihn einfach irgendwo liegen lassen sollte, sah ich einen kleinen Markt. Als ich näher trat, fiel mir auf, dass dort lauter gebrauchte Sachen angeboten wurden. So fasste ich den Gedanken, dass ich dort vielleicht auch noch Geld daraus lukrieren könnte. Die dort anwesende Frau beäugte mich misstrauisch. Daher sprach ich sie einfach an und es ergab sich in weiterer Folge ein langes Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie seit 1974 ein Tabakwarenverschleißgeschäft betreibt. Dies werde auch Trafik genannt. Hier kaufen die Leute diese weißen Papierrollen, in welchen sich klein geschnittener Tabak befindet. Viele Leute stecken sich ein solches Röllchen in den Mund. Dann zünden sie es an und saugen dann die Luft durch diese glosende Rolle an. Daraus entsteht ein stinkender Qualm, welchen die Leute tief einatmen und nachher, durch die Lunge gefiltert, wieder ausblasen. Dieser Vorgang ist danach benannt wie er aussieht. Rauchen.

Die nette Frau erlaubte mir, meinen Pullover mit ihren Sachen feilzubieten. Während wir auf Kunden warteten, erzählte sie mir, dass sie das Geschäft, nachdem sie es 26 Jahre mühselig aufgebaut hatte, nun ihrem Sohn übergeben hat.

Den Flohmarkt gab es beinahe genau so lang, aber mittlerweile hatte sich das Ganze zerschlagen. Sie hatte damals die Idee durch den Verkauf alter Sachen etwas Geld für bedürftige Kinderspitäler zu verdienen. Stolz berichtet sie vom Rekordergebnis: 1400,– Schilling konnten verdient und an die Spitäler gespendet werden. Das war damals viel Geld. Der damalige Bezirksvorsteher war Stammkunde in Ihrem Geschäft und so fasste sie all ihren Mut zusammen und fragte diesen um Erlaubnis für diesen Miniflohmarkt. Er gestattete es Ihr mündlich diesen am Gehsteig vor Ihrem Geschäft einmal im Jahr an einem Freitag oder Samstag abzuhalten. Falls jemand etwas dagegen haben sollte, solle sie denjenigen zu ihm schicken. Der Bezirksvorsteher war damals noch eine Macht und die Leute obrigkeitshörig. Niemand hätte es gewagt zum BV zu gehen wegen einer solchen Nichtigkeit. Heute ist das Gegenteil der Fall und so wäre es heutzutage kaum mehr möglich ohne Probleme so etwas zu starten. Die Leute sind neidig und über korrekt. Sie würden sofort eine offizielle Beschwerde erstatten und damit wäre es ohne Vertrag und offizielle Bewilligung von ca. 5-10 Magistratsdienststellen kaum mehr möglich. Auch die Gebühren für solche Anträge würden den Gewinn zunichte machen. Auch erzählte sie mir von den harten Zeiten im Geschäft an welchem sie ohne Pause offen lassen durfte. Dies war möglich, da sie noch im Besitze einer Maria Theresien Konzession war. Wegen der Übernahme des Geschäftes durch den Sohn erlosch diese aber. Heutzutage ist das Geschäft an bestimmte Geschäftszeiten gebunden. „Aber das ist auch besser so“, lacht sie.

Eine Frau dessen Sprache wir nicht verstanden, interessierte sich für den Pullover und wir einigten uns auf fünf Euro, welche ich der netten Dame für den guten Zweck überließ.



Informationen zum alten Foto

Titel Wien 20, Stromstraße 2
Beschreibung Trafik Fasching mit Flohmarkt
Datierung 1983
Archiv Renate Fasching
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